Anleitung zum Unsichtbarsein


Ich habe heute zwanzig Minuten lang meinen Naht-Auftrenner gesucht. Für alle, die nicht die geringste Idee haben, was das sein soll, kurz zur Erklärung: Dabei handelt es sich um einen ca. 10 cm langen Spieß, versehen mit einem kleinen Messerchen, mit dem sich problemlos und unfallfrei Nähte auftrennen lassen. Also eine Kleinigkeit, allerdings nicht mehr, wenn er nicht auffindbar ist. Dann wird er ein unlösbares Problem.


Irgendwann habe ich ihn entdeckt, und zwar genau da, wo er immer liegt und ich vorher schon akribisch gesucht habe: Ca. 20cm links neben der Nähmaschine. Seitdem bin ich davon überzeugt, dass Gegenstände vorübergehend unsichtbar werden können, wie das funktioniert, ist mir nicht klar, aber es scheint zu funktionieren.


Wie ich inzwischen mitbekommen habe,  ist das auch bei Tangotänzerinnen möglich. Vor einiger Zeit saß ich auf einer Milonga auf einem wackligen Barhocker, als es völlig unvermittelt plötzlich neben mir sagte: " Heute bin ich mal wieder unsichtbar". Ich warf also einen Blick auf den benachbarten Sitzplatz mit dem angeblich unsichtbarem Aufsatz, um festzustellen, dass ICH zumindest dort eine sehr hübsche, nette Tänzerin sah, die etwas verzweifelt dreinsah. Offensichtlich war mein Gesichtsausdruck ein einziges großes Fragezeichen, denn sie setzte sofort zu einer Erklärung an: "Es gibt Abende, da bin ich unsichtbar. Die Männer schauen einfach durch mich durch, als wäre ich nicht da". Ich entspanne mich etwas, da ich schon dachte, ich hätte ernste  Wahrnehmungsstörungen. Das Ganze bezieht sich nur auf die Tänzer, das ist natürlich etwas ganz anderes! Nur - wie schafft Frau das ? Mit weiblicher Strategie, das ist ja klar.


Hier also meine persönlich erprobte und häufig beobachtbare Kurzanleitung, wie Frau das Zauberkunststück hinbekommt, sich auf einer Milonga durch komplette Transparenz vor Blicken und Aufforderungen zu schützen. Ergänzungen aus eigener Erfahrung sind natürlich möglich und willkommen !


1. Man setze sich in eine dunkle Ecke oder, falls solch eine nicht zur Verfügung steht, auf die Seite der Tanzfläche, die nur mit Mühe und unter Einsatz großer Geschicklichkeit von den Herren erreicht werden kann. Solch eine "sichere Seite" findet sich auf nahezu allen Milongas.


2. Man schaue immer in Richtung Tanzfläche. Auf keinen Fall in die Richtung, in der vermutlich suchende Tänzer auftauchen könnten. Am besten  ist es natürlich, wenn man aus kosmetischen Gründen  seine Brille gleich zuhause lässt. Das erspart einem auch zufällige unerwünschte Blickkontakte. Sollte es dennoch versehentlich dazu kommen, sofort das Abblendlicht einschalten und sich anderen Aktivitäten widmen.


3. Frau wickle sich in ihre dickste Wolljacke und bestelle ein großes Heißgetränk. Damit ist man mindestens die nächsten zwei Tandas von Aufforderungen befreit. Wenn man dazu noch den Anschein erweckt, man hätte mit einem schweren grippalen Infekt zu kämpfen, funktioniert das auch für den Rest des Abends.


4. Man passe seinen Kleidungsstil an, also möglichst unauffällig, Ton in Ton mit der Umgebung. In der Biologie bezeichnet man das als Somatolyse (1) , die dazu dient, seinen natürlichen Feinden zu entgehen. Schwarz ist in diesem Zusammenhang fast immer eine gute Wahl, vor allem auf großen unübersichtlichen Veranstaltungen und am besten bei den legendären festlichen Abendmilongas. Da erscheinen nämlich 80 Prozent der Damen in Schwarz und die Wahrscheinlichkeit, dass die Herren eine wiederfinden ist gering. (Damit kein Zweifel aufkommt: Ich liebe Schwarz - wie fast alle Frauen - und es gibt Tage, da ertrage ich keine andere Farbe, Mimikry hin oder her).  Umgekehrt empfiehlt sich bei sommerlichen Nachmittagsmilongas auf jeden Fall ein bunt gemustertes Kleid, auch so schafft Frau es, in der Menge abzutauchen. Schwarz wäre hier tatsächlich zu auffällig und könnte den Wiedererkennungseffekt verstärken.


5.  Man sorge für schlechte Laune. Das ist ganz einfach. Autosuggestion funktioniert hervorragend. Hier tanzt sowieso keiner mit mir, was sind das hier für sonderbare Menschen, die tanzen ja alle grauenvoll, was für ein schrecklicher Abend, langweilige Musik, nicht tanzbarer Boden... Wenn Frau das ganze Mantra regelmäßig wiederholt, sorgt sie mit Sicherheit für eine derart abschreckende Aura, das keiner weiter in Versuchung kommt, ihr das Gegenteil zu demonstrieren.


6.  Man befreie sich von jeglicher Selbstkritik und beschränke sich unter allen Umständen auf die unumstößliche Wahrheit, dass der vermeintliche Supertänzer, der einen standhaft ignoriert, ein arroganter Esel ist. Jegliches Nachdenken über das eigene Tanzniveau oder sogar die Idee, hieran noch etwas zu verbessern, sollte ausgeschlossen werden.


7. Man vermeide alle positiven Aspekte des Abends, die außerhalb der Tanzfläche möglich sind. Dazu gehören nette Gespräche mit anderen Frauen (oder sogar Männern),  das Glas Prosecco, die schöne Musik, der kleine Small-Talks zwischendurch, einfach alles, was Frau zum Lachen oder zumindest Lächeln bringen könnte. Das ist nämlich hochgefährlich. Eine Frau, die ganz offensichtlich gute Laune hat, läuft das große Risiko, tatsächlich aufgefordert zu werden.


8. Man halte beim Betreten der Milonga umgehend nach den 2-3 Tänzern Ausschau , mit denen es sich eventuell lohnen könnte zu tanzen. Den Rest bitte sofort aus der Wahrnehmung ausblenden. Sie existieren nicht . Frau hat nämlich die Fähigkeit, nicht nur sich selbst unsichtbar zu machen, sondern auch noch beliebige Menschen um sich herum einfach verschwinden zu lassen. Wenn sich die potentiellen Märchenprinzen dann doch nicht auf ihr Pferd (oder durch den Saal) schwingen, um Prinzessin auf die Tanzfläche zu entführen, tritt ohnehin automatisch  Punkt 5 in Kraft und der Abend ist erfolgreich in den Sand gesetzt.


9. Sehr wirkungsvoll ist auch das berühmte, etwas abgewandelte Hase und Igel-Spiel, vor allem in großen Sälen mit vielen Besuchern. Dabei geht es nicht, wie im Märchen, darum, möglichst schnell an einem Ort zu sein, sondern vielmehr darum, möglichst schnell wieder von dort zu verschwinden. Man wechsle einfach ständig den Platz. Wenn denn der Hase es geschafft hat, herauszufinden, wo er  den begehrten Igel  findet und losspurtet, hat dieser schon längst das andere Ende des Saals erreicht.


10. Frau bleibe einfach zuhause, mache es sich vor dem Fernseher bequem und bemitleide die armen Menschen, die den ganzen Abend vergeblich nach ihr Ausschau halten. Das ist dann nicht Hexerei, sondern einfach gemütlich.

Diese Liste lässt sich sicher beliebig erweitern und in Praxistests erproben, all jenen, die Spaß daran  haben und weitere Idee brauchen, denen seien wärmstens die Texte von Paul Watzlawick empfohlen. Für Anfänger insbesondere die berühmte "Anleitung zum Unglücklichsein", die Herr Watzlawick bereits im Jahre 1983 veröffentlicht hat, meines Wissen nach sogar, ohne je einen Schritt Tango getanzt zu haben.



(1) Somatolyse (von altgriechisch σῶμα sōma „Körper“ sowie λύσις lýsis „Auflösung“, wörtlich also Auflösung des Körpers) beschreibt das Verschmelzen eines Lebewesens mit seiner natürlichen Umgebung durch eine besonders gemusterte und manchmal auch farblich mit der Umgebung abgestimmte Tracht – das Tier wird durch Anpassung an die Struktur und Färbung der Umgebung gewissermaßen unsichtbar. Diese Form der Tarnung dient meist dazu, natürlichen Feinden zu entgehen oder auch, wie zum Beispiel beim Löwen (einem Jäger) und anderen Großkatzen, von seiner potenziellen Beute so spät wie möglich entdeckt zu werden. (wikipedia).

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