Das rote Kleid


" Du hast ein Kleid an!" Mein Tanzpartner hält mich ein paar Zentimeter von sich weg und taxiert mich von unten nach oben. Ja, ich habe ein Kleid an, das heißt, ich bin nicht nackt und nachdem in der Veranstaltungsankündigung auch nichts von "naked tango" stand, dürfte das in etwa dem Dresscode entsprechen. Das kann also damit nicht gemeint sein.


Vom Tonfall her kam es eher anerkennend rüber, der gute Mann scheint auf jeden Fall zufrieden zu sein. Jetzt muss man natürlich erwähnen, dass für die meisten Männer alles "Kleid" ist, was nicht eindeutig nach Hose aussieht. Für den Großteil der Männer ist auch alles blau, was irgendwie in das Spektrum zwischen Grün und Lila fällt, Ausnahmen sind natürlich möglich. Dafür können sie nichts, das scheint genetisch programmiert zu sein. Ich finde diese Reduktion auf das Wesentliche bewundernswert effizient, wir Frauen sehen die Welt offensichtlich viel zu bunt und damit wird doch alles recht unübersichtlich.


Aus Frauensicht ist ein Kleid ein einteiliges Kleidungsstück, insofern ungemein praktisch, da es unseren Hang zur Komplexität und die Aufenthaltszeit vor dem Kleiderschrank erheblich reduziert. Langwierige Überlegungen, was passt denn jetzt zu was, das Abwägen von Farbnuancen zwischen Aquagrün und Zinnoberblau entfällt und der wartende Partner ist nicht inzwischen ins Koma gefallen, betrunken oder verschwunden.


Die Steigerung von Kleid ist "Rotes Kleid". Darum ranken sich die Mythen. Den Erzählungen der Tangueras zu Folge hat das hocherfreuliche Konsequenzen. "Da tanzt du jede Tanda", "Die tanzen plötzlich wie der Teufel", solche Kommentare fallen. Im Gegensatz zum Stier, der ja nur auf das Herumwedeln der Muleta vor seiner Nase reagiert und dem die Farbe komplett Schnuppe ist, da er die sowieso nicht erkennen kann, scheint die Spezies Mann die Farbe Rot immerhin sehr deutlich wahrzunehmen.


Es lässt sich nachlesen, dass Wissenschaftler den Grund für das Verhalten der Männer in den Wurzeln der Menschheit vermuten. Bei den Wurzeln sind wir dann gleich bei den Affen und Tatsache ist, dass Rot die Balzfarbe vieler Affenarten ist. Dass es sich hier nicht um rote KLEIDUNGSSTÜCKE handelt, versteht sich von selbst und ich möchte jetzt lieber nicht genauer darauf eingehen, was es konkret damit auf sich hat. Als logische Konsequenz gibt es ebenfalls die Mutmaßung, dass Männer von der Farbe Rot zwar magisch angezogen werden, Frauen hingegen rotgekleidete Damen eher skeptisch beäugen und als unerwünschte Rivalinnen wahrnehmen. Tja, alles hat seine Licht- und Schattenseiten....


Den Praxistest kann ich leider gar nicht machen im Moment, da ich festgestellt habe, dass mein eigener Schrank kein rotes Kleid beherbergt, aber das lässt sich ja kurzfristig ändern. Das einzige - und wirklich schöne -rote Kleid habe ich vor zwei Jahren in einem Anfall von Retraumatisierung leider im Second Hand verkauft.  War ich doch 2 Jahre hintereinander auf der "Red Milonga" in einem unserer schönen Nachbarländer - und ehrlich, sowas geht nicht spurlos an einem vorüber. Eine "White Milonga" hält man psychisch noch aus, auch wenn man den ganzen Abend vergeblich nach dem Brautpaar sucht, eine "Gold Milonga" ist zu vernachlässigen, da den Leuten dazu eh nichts einfällt, außer dass es irgendwie glitzert, aber eine "Red Milonga" ist kaum zu verkraften. Auch wenn Chris de Burgh so schön seine "Lady in Red" besungen hat, damit meinte er wohl nur EINE, nicht hundertfünfzig. Plus die hunderfünfzig "Men in red", über die eigentlich keiner spricht, weil es einem bei diesem Anblick sowieso sofort die Sprache verschlägt.


Inzwischen habe ich mich aber erholt und das rote Kleid kann wieder Einzug im Schrank halten. Und wehe, es tanzt dann keiner mit mir !

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