Die Post-Tango-Depression

Der Tango verleiht Flügel, die brauchen wir auch, tragen sie viele von uns doch um die halbe Welt. Wer dem Tango-Tourismus verfallen ist, kennt allerdings sicher auch das Phänomen der sogenannten PTD, der Post-Tango-Depression, die sich mit hundertprozentiger Sicherheit nach Wochenenden einstellen wird, die zu nahezu vollständig dem Tango verschrieben sind. Nahezu, denn ein paar winzige kleine Prozentpunkte gehen noch für Schlafen und Essen verloren, nicht allzu viele, einfach nur die Minimalmenge, die ausreicht, einen überlebensfähig zwei oder drei Tage und Nächte auf der Tanzfläche zu halten.

Der Hormoncocktail sorgt dafür, dass bleierne Müdigkeit, schmerzende Füße und rebelllierende Muskeln erst dann wahrgenommen werden, wenn das heimische Sofa erreicht ist. Auf dem darf man dann noch eine Weile dahinschweben, bis sie plötzlich zuschlägt, die PTD. Die Sinnlosigkeit des tangolosen Lebens wirkt lähmend, abgeschnitten von all den Umarmungen, Küsschen, Komplimenten, Freundschaftsbekundungen, die dem Wochenende den besonderen Flair verliehen haben. Was bleibt, ist ein völlig erledigtes übermüdetes und hochdepressives Häufchen Elend, das sich voller Selbstmitleid auf dem Sofa wälzt auf der Suche nach einem Heilmittel.

Wer viel Zeit und Geld und einen ebenso tangofanatischen Partner hat, löst das Problem einfach dadurch, dass er am kommenden Wochenende zum nächsten Tangoevent weiterreist, quer durch Europa oder die halbe Welt, wenn´s sein muss, um so der PTD zu entgehen und weiter auf der Euphoriewelle dahinzuschwimmen.

Wer nicht so viel Zeit, weniger Geld, einen halbwegs normalen Partner oder sogar Kinder hat, die er noch nicht tangobedingt zur Adoption freigeben will, hat diese Möglichkeit der Dauerwiederholung natürlich nicht. Der darf seine PTD genussvoll ausleben. Am besten ohne Tango.

Die Idee, das depressive Tief mit einem möglichst umgehenden Besuch der lokalen Milonga zu bekämpfen, ist ein Anfängerfehler oder ein bewusster Versuch, mit Ernüchterung der Glorifizierung des Tangos entgegenzuwirken. Der viel gelobte Tanzfluss erweist sich dort als Wildwasserstrudel, Umarmungen fühlen sich an wie Schraubstöcke, die Musikauswahl löst mit Sicherheit keinen Flow, sondern höchstens Aggressionen aus, der Umgang der Tänzer untereinander erscheint indiskutabler als je zuvor und die gesamte Veranstaltung wird zum Desaster. Subjektiv gesehen, ist es ein Trip durch die Hölle, objektiv betrachtet ist das alles gar nicht so schlecht, zumindest nicht schlechter als sonst.

Mit der Zeit adaptiert sich der Patient schon wieder, mit sinkendem Hormonpegel wirkt alles weniger schrecklich und zeigt sich in besserem Licht. Die Folgeerescheinungen sind allerdings klar. Die Planungen für die nächsten Reisen laufen auf Hochtouren, die Besuche auf den lokalen Veranstaltungen überbrücken bestenfalls Wartezeiten. Es fällt auf, dass gerade an den Wochenenden die Reihen der guten Tänzer dünner werden auf dem heimischen Parkett, die einen sind mal da unterwegs, die anderen dort. Nur nicht daheim.

Reisen bildet, sagt man. Tut es, davon hat zuhause nur keiner was. Die gebildeten Reisenden lassen sich auf dem lokalen Parkett nur selten blicken. Falls doch, tanzen sie mit anderen gebildeten Reisenden, das spaltet die Tangogemeinschaft langsam aber stetig in verschiedene Spezies: Die, die nicht da sind. Die, die da sind, aber lieber nicht da wären und deshalb auf der Suche sind nach denen, die zufällig auch da sind, obwohl sie lieber woanders wären. Und den Rest. Nämlich die, die immer da sind, um fleißig und zuverlässig die wochenendliche Tangoszene der Stadt am Leben halten.

Nüchtern betrachtet, wäre es auf Dauer der lokalen Szene doch sehr zuträglich, wenn wir Tangonomaden etwas weniger reisen würden.. billiger wäre es natürlich auch und weniger anstrengend. Wenn da nicht die ganzen wunderbaren Traumtänzer quer über den ganzen Kontinent flattern würden, die mit unwiederbringlich schönen Tandas locken...ach ja....

Also ganz heimlich und schnell nochmal den Terminkalender überprüfen, ob nicht doch noch ein freies Wochenende zu finden ist, an dem man sich seine nächste PTD - Ration abholen kann...

 

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  • Oh, wie schön ist Panama

    Reisen bildet, quer durch Europa oder die halbe Welt. Für's Glorifizieren muss es gar nicht so weit sein, da reicht die Reise von Rosenheim nach München. Und tatsächlich: objektiv betrachtet ist das dann auch dahoam am Irschenberg alles gar nicht so schlecht. Um das wahrzunehmen, braucht es halt zuerst die Reise.

    Aber wie wär's mit Tango in Panama?

    Oh, wie schön ist Panama – Wikipedia
    https://de.m.wikipedia.org/wiki/Oh,_wie_sch%C3%B6n_ist_Panama