Tango der Langeweile

Vor einiger Zeit habe ich eine unerfreuliche Entdeckung gemacht - es gibt tatsächlich Tandas, in denen ich mich langweile.  Also gut, es gibt Tandas, da LEIDEN wir Frauen. Das meine ich nicht. Also keine Schraubstock-Umarmung, heftiges Herumgezerre mit allen verfügbaren Armen oder ein "Wackelkandidat", der Mühe hat, sich auf den Beinen zu halten. Wirklich nicht. In solchen - Gott sei Dank seltenen Situationen - langweilt Frau sich auch nicht, sondern kämpft ums Überleben. Damit ist man dann ja zumindest  beschäftigt. Nein, es geht eher um Tandas, wo eigentlich soweit alles "passt", also Frau eher aufatmen könnte.


Wenn ich von Langeweile rede, prüfen die Herren vermutlich sofort ihr verfügbares Repertoire - wie viele ganchos, sacadas, barridas, colgadas, volcadas und weiß der Geier hab ich im Programm ? Was muss ich tun, damit sich die Frau nicht langweilt ? Die Aussage Langeweile ist wahrscheinlich so ziemlich das Gruseligste, was man sich als Führender vorstellen kann.  Umgekehrt übrigens auch. Ich frage mich, ob sich Männer während des Tanzens langweilen können mit ihrer Partnerin... Ich stell mir vor, wie das sein muss, als führender Mann, der sich mit mir langweilt. Ich tanze vermutlich nicht so schlecht, dass es wirklich Leid verursacht (aber wer weiß...), aber Langeweile ist immerhin möglich.


Ich bin ja eine große Anhängerin von Mirada und Cabeceo, hatte aber vor einiger Zeit ein nettes Erlebnis in Österreich. Der Tänzer neben mir meinte: "Jetzt kommt Milonga, da fürchten sich die Männer" - dann Pause und dann " sollen wir uns zusammen eine Runde fürchten  ?" Das ist österreichischer Charme, macht ihm so schnell keiner nach... und das Fürchten hat wirklich Spaß gemacht. Vermutlich hielte sich der Spaß aber sehr in Grenzen, wenn jemand sagt, sollen wir uns zusammen eine Runde langweilen...


Nun ja, die Entdeckung der Langeweile hat natürlich zur Folge, intensiver darüber nachzudenken, wie es denn dazu kommen kann. Also, am Figurenrepertoire liegt es definitiv nicht. So viel zu Beruhigung. Die meisten Tänzerinnen wollen keine hektische Aneinanderreihung von akrobatischen Meisterleistungen, die möglicherweise wochenlange teure Osteopathietermine bescheren.  Generell vermute ich, Frauen brauchen weniger Figuren als die Männer sich überhaupt vorstellen können.


Was diese Langeweile für mich wohl ausmacht, ist der Mangel an Musikalität. Vielleicht stehe ich damit alleine und die meisten Frauen stört das überhaupt nicht. Vielleicht habe ich das Pech, zu viel zu hören, alle Noten dazwischen, zu viele Instrumente, all Pausen, Verzierungen, Spielereien der Orchester. Lauter Angebote an die Tänzer, irgendwie darauf zu reagieren. Aber viele tun es nicht.  Sie tun es nicht, weil sie es nicht hören.  Das vermute ich zumindest.  Also wandern wir weiter dahin, immer schön im Takt (oder auch nicht...).


Ich weiß, wie viel den Führenden beim Tango abverlangt wird. Ich weiß es auch zu schätzen. Den Männern wird ganz pauschal vorgeworfen, sie machen zu wenig Kurse, sie arbeiten zu wenig an ihrer Technik, sie scheuen Geld und Zeit, sobald sie ein halbwegs akzeptables Tanzniveau erreicht haben und genug Tänzerinnen finden, im Klartext, sie sind faul, geizig und leiden an gnadenloser Selbstüberschätzung. Das glaube ich nicht, mag es sicher geben, aber nicht en gros. Und manchmal ist weniger mehr. So viel Repertoire braucht es gar nicht (wer das nicht glaubt, schaue sich z.B. das auf der Startseite verlinkte Video an).  Den Workshop zur gekreuzten Sacada rückwärts mit anschließendem Doppelgancho kann Mann sich vielleicht tatsächlich sparen. Was Not täte, wäre eher die Eigeninitiative. Mehr Tangos hören, wirklich hören, lernen, die Musik zu verstehen und sie zu interpretieren. Dazu braucht es nicht mal einen Kurs, davon gibt es auch nicht arg viele. Vermutlich liegt das daran, dass das keinen interessiert und keiner kommt..... So ist das mit Angebot und Nachfrage.


Das Fazit ist eigentlich, lerne den Tango hören und verstehen und die Tänzerinnen werden dich lieben ;-)
Und ich schwöre, der nächste Tänzer, der bei Di Sarli die Synkopen tanzt, bekommt den Tango-Musikalitäts-Orden verliehen....

 

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  • gut

    Gut auf den Punkt gebraucht
    und zur Frage mit der Langeweile der Männer beim Tanzen
    ja ich langweile mich manchmal auch mit einer guten (tech) Tänzerinn
    Tanz ist halt viel mehr als nur die Technik....die Poren und die Ohren öffnen für das was grad läuft, die Veränderbarkeit der Umarmung, Nähe Distanz.....
    und auch für die Frau eine aktive Gestaltung des Tanzes in Bezug auf Aufrichtung, im Erleben der eigenen Körperlichkeit, Mut für ein gemeinsames Spiel….

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  • Hinweis auf meinen Text dazu

    Ich habe mir erlaubt, diesen Artikel auf meinem Blog zu kommentieren: http://milongafuehrer.blogspot.de/2017/02/kamele-und-das-nadelohr.html
    Beste Grüße!