Vom Reden und Schweigen der Männer im Tango



Der Tango kommt ohne viele Worte aus, in den elementaren Situationen sogar ganz ohne: Beim Tanzen und beim Auffordern. Soweit wunderbar. Dennoch gibt es ihn, den Tango-Talk, und er hat seine Berechtigung. Eine Veranstaltung mit dem Titel "Silent Tango" wäre jetzt vermutlich eher nichts für mich, aber ich bin ja auch eine Frau.


Was sich auf einer Milonga beobachten lässt: Wenn Frauen nicht tanzen, reden sie. Bevorzugt miteinander. Darin unterscheiden sie sich natürlich gravierend von Männern, die entweder ihr Bierglas, ihr Handy oder die Tänzerinnen fixieren, aber eher  meditativ schweigend das Ende der Tanda abwarten. Ausnahmen sind natürlich möglich.


Man sagt ja, Frauen reden generell ständig und zu viel. Damit gingen sie den Männern auf die Nerven. In allen Lebensbereichen.  Ich würde mal sagen, das ist stark übertrieben. Würden Frauen die Kommunikation einstellen, würde sich vermutlich tiefstes Schweigen auf der Welt ausbreiten,  das wäre dann doch auch etwas deprimierend.


Es ist ja auch nicht so, dass Männer auf einer Milonga nicht sprechen. Gut, es gibt kommunikativere Tänzer und die ganz großen Schweiger. Aber die meisten sprechen  schon. Wenn sie es tun, dann allerdings meistens mit den Frauen, das scheint doch irgendwie einfacher zu sein.


Am kommunikativsten werden Männer während der Verlosung. Die bekanntlich meist von der Damenwahl gekrönt wird und deshalb problemlos den Titel "Vorspiel" verdient. Für alle Männer, die noch nicht mitbekommen haben, wie die Erfolgsstrategie funktioniert, hier eine kleine Zusammenfassung:
Man positioniere sich umgehend neben einer akzeptablen Tänzerin, sobald das ganze Spiel mit den Zetteln und Hut, Glücksfee, Ansage, Veranstaltungsankündigungen etc. beginnt. Wenn man nicht weiß, wie man den Kontakt herstellen kann, schenke man der netten Tänzerin erst mal sein Los. Das kommt immer gut an, und  der finanzielle Verlust hält sich in Grenzen, hier geht´s ja nicht um Lottogewinne in sechsstelliger Höhe.  Die Dame ist im Zugzwang, der Kontakt hergestellt. Jetzt geht es nur noch darum, den Smalltalk solange aufrechtzuerhalten und an der Nachbarin kleben zu bleiben, bis endlich diese Damenwahl aufgerufen wird. Die Chance, von der Damen aufgefordert zu werden, liegt sicher um die 95%. Die restlichen 5% sind vernachlässigbare Fehlschläge und zeugen von einem guten Selbstbewusstsein der Dame, die es dennoch schafft, mittels der Mirada einen Tänzer am anderen Ende des Saals aufzufordern...  Sollte das passieren, was ja, wie gesagt, nicht sehr wahrscheinlich ist, ist es eine gute Gelegenheit für den Herren, sich in den Waschraum zurückzuziehen und das persönliche Scheitern zu beklagen.


Tatsächlich ist es so, dass es Männer gibt, die es mit der Kommunikation sogar etwas übertreiben. Sie erzählen weiter, während sie tanzen. Vom letzten Urlaub, dem unfähigen Arbeitskollegen, den  halbwüchsigen Kindern,  ihrem verstauchten Zeh.... etc.  Alles super spannend, nur etwas schwierig zu verarbeiten, während Frau versucht, der  Musik und der Führung zu folgen.  Frauen sind Weltmeister im Multitasking, aber das ist dann doch  definitiv zu viel. Das ist eine der seltenen Situationen, in denen die Frau plötzlich in tiefstes Schweigen fällt und nicht mehr reagiert... Vermutlich gibt es das auch umgekehrt, da fehlt mir die Erfahrung, ich habe aber auch schon Tanzpaare beobachtet, wo die Dame während des gesamten Tangos munter auf ihren Tanzpartner einredet und er stoisch weitertanzt.


Der heikelste Moment, um in das Fettnäpfchen der fehlgeschlagenen Kommunikation hineinzutappen ist sicher in den kleinen Pausen zwischen den Tangos. Sieht man sich Videos von den Milongas in Buenos Aires an, fällt auf, dass  mindestens 30 Sekunden des Stücks vergehen, ohne dass jemand auch nur einen Schritt tut. Die Musik läuft, die Ronda steht - und redet. Eine in Deutschland undenkbare Situation, ein Paar, das sich so verhält, wird sofort von den anderen links und rechts überholt, da es die Tanzfläche blockiert.


Es gibt Männer, die haben in dieser Situation plötzlich das ernste Problem, mit der Dame, die sie gerade im Arm hatten, zu SPRECHEN. Ein etwas zurückhaltender Tangofreund sagte vor kurzem zu mir: "Gott sei Dank ist hier der Boden so schlecht, dass er immer Gesprächsstoff bietet, dann weiß ich zumindest, worüber ich reden kann".  Was lernen wir daraus ? Die äußeren Umstände bieten sich immer an als Gesprächsstoff, im Positiven wie im Negativen.  Wenn man jetzt böse wäre, könnte man sagen, traurig, dass der schlechte Boden ein interessanteres Gesprächsthema ist als die Dame, die vor einem steht...aber als Notnagel geht auch das.


Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es auf multikulturell besetzten Veranstaltungen generell lebhafter zugeht, es gibt kommunikativere Kulturen als Deutschland, es gibt Tänzer, deren Komplimente und Small-Talk so leicht, unangestrengt und fließend sind wie meist auch ihr Tanz. Die es schaffen, auch in den Tanzpausen eine wunderbare Verbindung herzustellen zu ihrer Tänzerin, angstfrei, unüberheblich und humorvoll. Und - wen wundert´s - damit eine Menge dazu beitragen, dass die gemeinsame Tanda noch harmonischer und inniger weitergeht.


Am anderen Ende des Spektrums gibt es die hartnäckigen Schweiger. Das irritierendste Erlebnis hatte ich kürzlich auf einer wirklich sehr gelungenen Wochenendveranstaltung, voller wunderbarer Menschen aus aller Herren Länder, also in genau dem Tango-Kontext, in den wir eintauchen, wie eine warmes Bad.


Ich folge der Aufforderung eines relativ passablen Tänzers, wir tanzen den ersten Tango - Pause - er schweigt. Wir tanzen den zweiten Tango - Pause - er schweigt. Ich beginne zu überlegen, was hier schief läuft. Die Tanzerei fand ICH zumindest bisher eigentlich ganz gut, denke inzwischen aber ernsthaft darüber nach, ob der arme Mensch unendlich arrogant, schüchtern oder stumm ist oder einfach gerade den ultimativen Fehlgriff seines Abends bereut und mich am liebsten in eine Stubenfliege verwandeln würde... ich lächle ihn mal probeweise an, aber auch das erweist sich als wirkungslos. Wir tanzen den dritten Tango - Pause - er schweigt. Also länger hält keine Frau das aus. Ich mache  jetzt doch mal einen Vorstoß  - mit der auf solchen Veranstaltungen üblichen Einleitungsfrage. Die ist nicht besonders intelligent, aber für mich durchaus interessant und keine unlösbare Quizfrage.


"Woher kommst du denn" ?


Und der Herr antwortet, kurz und knapp:


"Warum ?"


Aha. Da hat es mir dann auch die Sprache verschlagen....

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  • Du sprichst mir aus der Seele!

    Wunderbar beobachtet und reflektiert- danke!

  • Woher kommst du?

    Ich bin manchmal glücklich, Kontakt mit anderen zu haben und dabei einfach nichts sagen zu müssen. Das ist so schön.

  • Traumhaft


    ich hoffe, ich war das nciht :-)