Was heißt eigentlich "soziales Tanzen" ?


Soziales Tanzen ist ein Modewort in der Tangoszene, ich frage mich nur immer, was jeder einzelne darunter eigentlich versteht, vermutlich jeder etwas anderes und alle reden drüber.....


Der Wiki ist der Meinung, im allgemeinen Sprachgebrauch sähe das ungefähr so aus:

In der Umgangssprache bedeutet „sozial“ den Bezug einer Person auf eine oder mehrere andere Personen; dies schließt die Fähigkeit (zumeist) einer Person, sich für andere zu interessieren und sich einzufühlen mit ein. Aber es bedeutet auch, anderen zu helfen und eigene Interessen zurückzustellen....


Oh je....ich soll mich interessieren und einfühlen, dem anderen helfen und die eigenen Interessen zurückstellen. Das klingt tatsächlich sehr sozial, ob das beim Tango immer so funktioniert, glaube ich eher nicht.

Also nochmal eine Definition - von definition-online.de

Mit dem Begriff „sozial“ werden die Beziehungen zwischen einem Einzelwesen und Gruppen und die Beziehungen dieser Gruppen untereinander beschrieben. Entsprechend bezeichnet der Begriff individuelle Kompetenzen genauso wie die allgemeinen Bedingungen, unter denen die Mitglieder einer Gruppe oder verschiedene Gruppen miteinander interagieren.

Das klingt schon vielversprechender, auf jeden Fall - DANN  ist der Tango ja immer sozial. Solange ich nicht allein daheim im Wohnzimmer herumtanze, was bisweilen ja auch vorkommt. Also wozu dann die ganze Diskussion um den "sozialen Aspekt" des Tangos ?


Vermutlich kommt das daher, dass diese Beziehungen und Interaktionen eigentlich immer an Regeln und einen Verhaltenscodex geknüpft sind, der bisweilen dann durchaus Diskussionsstoff bietet. Es gibt sicher Lebenskontexte, wo diese nicht so stark hinterfragt und diskutiert werden wie im Tango.


Wenn ich im Tischtennis Doppel spiele, schlage ich einen Ball und der Partner den nächsten, immer abwechselnd. Punkt. So ist die Regel. Wenn ich Schach spiele muss ich abwarten, bis der andere seinen Zug gemacht hat. Wenn ich Auto fahre, wird erwartet, dass ich bei einer roten Ampel stehen bleibe. Die Liste lässt sich endlos fortsetzen, das braucht es aber nicht, da diese Regeln meist klaglos akzeptiert werden. Wenn ich mich im Supermarkt weigere, mich hinten in die Schlange zu stellen, werde ich mit Sicherheit riesigen Ärger von den Wartenden bekommen, das dürfte niemanden überraschen.


Nur auf der Milonga, da fällt das durchaus schwer. Ansonsten regelkonforme Mitmenschen entdecken plötzlich ihre anarchischen Wurzeln und wehren sich heftig gegen angeblich längst überholte, unzeitgemäße Regelvorstellungen.

Da das Thema viel Zündstoff bietet und es viele unterschiedliche Auffassungen gibt, bleibe ich einfach mal bei meiner persönlichen Idee von "sozialem Tanzen".


"Soziales Tanzen" heißt auf jeden Fall für mich keineswegs, dass ich alle Leute abküssen muss, die da sind. Ich muss auch nicht jeden mögen, jedem helfen und schon gar nicht mit jedem tanzen. Ein Korb ist nicht "unsozial", sondern eine freie Entscheidung. Ich darf Leute gern mögen, ohne mit ihnen tanzen zu wollen. Das Ideal, "wir haben uns alle lieb" wäre natürlich eine tolle Sache, also mehr Rücksichtnahme, mehr Offenheit, einfach ein netter, freundlicher Umgang miteinander. Es gibt Kontexte, da klappt das besser (Encuentros) und Kontexte, da klappt das weniger gut (Cliquen-Milongas, verlorene Gäste auf einer heimischen Milonga etc...). Aber das muss gewollt sein und ist nicht "erzwingbar", auch nicht mit dem erhobenen Zeigefinger.


Was es für mich allerdings schon bedeutet, ist, den groben Rahmen einzuhalten, den der Anlass vorgibt, den eigentlich auch alle kennen, aber oft nicht so gern mögen. Eine Ronda läuft gegen den Uhrzeigersinn. Eine zweite oder dritte Ronda ebenso. Eine Ronda ist kein Zickzackkurs und keine Überholstrecke. Mann betritt die Tanzfläche nicht mit Scheuklappen. Blickkontakt zwischen Führenden ist nicht verboten, sondern dringend nötig. Wenn´s voll ist lasse ich meine Füße auf dem Boden und erwarte, dass die Führung das auch möglich macht. Ich bin mir im Klaren, dass sich andere Menschen um mich herum bewegen, die durchaus auch eine Existenzberechtigung haben, unabhängig von ihrem Tanzniveau. Wenn ich das nicht akzeptieren kann,  bleibt mir tatsächlich dann vielleicht nur das Wohnzimmer....das ist dann wirklich un-sozial ;-)





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